Es war einmal eine kleine Fujifilm-Kamera
Es war einmal eine kleine Fujifilm-Kamera, kaum größer als
eine Handfläche, mit einem silbernen Gehäuse und einem roten Trageriemen. Sie
lebte auf einem Regal zwischen alten Reiseführern und einer staubigen
Zimmerpflanze und war sehr stolz auf ihr Objektiv. Denn durch dieses Objektiv
sah sie alles: das goldene Morgenlicht, lachende Gesichter, Regentropfen am
Fenster und sogar die Katze des Hauses, die sich immer genau dann streckte,
wenn niemand hinsah.
Eines Tages aber geschah ein Unglück.
Beim Ausflug in den Park wurde die kleine Kamera in aller
Eile aus der Tasche gezogen, wieder hineingesteckt, noch einmal herausgenommen
– und plötzlich, beim leisen Plopp einer unachtsamen Bewegung, rollte ihr
Objektiv davon. Erst über die Bank, dann über den Kiesweg, und schließlich
verschwand es unter einem Busch.
„Mein Objektiv!“, rief die kleine Fujifilm-Kamera
erschrocken. „Wie soll ich jetzt noch die Welt sehen?“
Sie wartete. Der Wind raschelte. Kinder liefen vorbei. Ein
Hund schnupperte kurz an ihr und trottete weiter. Aber ihr Objektiv blieb
verschwunden.
Traurig wurde sie zurück nach Hause gebracht. Dort stand sie
still auf dem Tisch und fühlte sich plötzlich nutzlos. Ohne Objektiv war sie
nur noch ein halbes Ding, dachte sie. Die große Spiegelreflex neben ihr sagte
mit tiefer Stimme: „So etwas kann passieren.“ Das Smartphone murmelte: „Man
kann doch auch ohne viel sehen.“ Aber die kleine Fujifilm-Kamera wollte das
nicht hören. Sie wollte wieder Bilder machen. Richtige Bilder.
Am nächsten Morgen begann die Suche.
Der Mensch, dem sie gehörte, durchwühlte Taschen, schaute
unter Autositze, schüttelte Jacken aus und kehrte sogar noch einmal in den Park
zurück. Die kleine Kamera durfte diesmal mit, fest in beiden Händen getragen.
Sie blickte so gut sie konnte ohne Objektiv in die verschwommene Welt hinaus.
Da hörte sie unter dem Busch eine feine Stimme: „Suchst du
etwas?“
Es war eine alte Sonnenbrille, die schief im Gras lag.
„Ja“, sagte die Kamera. „Mein Objektiv. Ich habe es
verloren.“
„Dann bist du nicht die Erste“, sagte die Sonnenbrille
freundlich. „Hier landen ständig Dinge, die jemand vermisst. Münzen,
Haargummis, ein Handschuh, sogar einmal ein Schlüsselbund. Schau dort, wo das
Licht aufblitzt.“
Und tatsächlich — zwischen zwei Blättern lag etwas Rundes,
Glasiges, Vertrautes. Ein Sonnenstrahl traf darauf, und es funkelte wie ein
kleines Auge.
„Da bist du ja!“, rief die Fujifilm-Kamera.
Das Objektiv war ein wenig schmutzig und ziemlich beleidigt.
„Du hast mich verloren“, sagte es.
„Nicht absichtlich“, flüsterte die Kamera. „Ich habe dich
vermisst.“
Vorsichtig hob der Mensch das Objektiv auf, putzte es mit
einem weichen Tuch und schraubte es wieder an seinen Platz. Klick.
In diesem Moment war alles wieder da: die Schärfe, das
Licht, die Formen, die Farben. Die kleine Fujifilm-Kamera sah den Park klarer
als je zuvor. Sie sah die Sonnenbrille im Gras, die geduldig vor sich hin
glitzerte, und machte sofort ein Bild von ihr.
„Danke“, sagte sie.
„Wofür?“, fragte die Sonnenbrille.
„Dafür, dass du mir geholfen hast, mein Ersatz zu finden.“
„Deinen Ersatz?“, lachte die Sonnenbrille.
Die kleine Kamera überlegte kurz und summte zufrieden.
„Nein“, sagte sie. „Nicht Ersatz. Mein echtes Objektiv. Aber falls ich je
wieder etwas verliere, weiß ich jetzt: Manchmal findet man Verlorenes nur, wenn
man die Hoffnung nicht mitverliert.“
Von da an passte sie besser auf. Und jedes Foto, das sie
machte, erinnerte sie daran, wie kostbar es ist, die Welt sehen zu können —
besonders dann, wenn man sie einmal aus den Augen verloren hat.
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